Ein Blick in den Wirtschaftsteil von Magazine und Zeitungen genügt um festzustellen, dass es heutzutage sehr oft um das nächste Quartal, die nächste Periode oder die kommende Aktionärsversammlung geht. Beeindruckend sind die Schwankungen an Börsen, wenn Kennzahlen verfehlt werden. Es müssen nicht mal Verluste geschrieben werden, es reicht bereits, wenn Wachstumsprognosen um 0.2 Prozentpunkte zu tief ausfallen. Eine paradoxe Situation.
Die Vision löst keine Probleme
Es wäre nun vermessen zu behaupten, dass eine Unternehmensvision akute Probleme löst. Höhere Energiekosten, Zölle oder Schwierigkeiten in der Logistik kann eine Vision nicht lösen. Auch die Effizienzsteigerung durch künstliche Intelligenz oder einfach eine banale Digitalisierung kann nicht verhindert werden. Aber darum geht es bei einer Vision auch gar nicht.
Eine Vision soll die Stossrichtung vorgeben. Es soll ein Leitstern sein, der für alle Mitarbeiter verständlich ist. Sie schafft Klarheit, wenn kurzfristige Trends zu Kurzschlussreaktionen verleiten. Und es ist eine verbindliche Zusage zu Werten, die in einem Unternehmen gelebt werden. Eine Vision verlangt Kompromisslosigkeit, Fokus und Durchhaltewillen. Eigenschaften, die aktuell kurzfristigen Gewinnoptimierungen zu oft geopfert werden.
Falsch verstandene Visionen
Viele Unternehmen führen auf ihren Websites Visionen, Missionen und Leitbilder auf. Doch die grossen Perspektiven lassen oft auf sich warten. Wir möchten dies mit einigen Beispielen untermauern, nennen jedoch keine Firmen:
Lösungen aus Metall. Für unsere Kunden. Gemeinsam mit unseren Kunden.
Lösungen anzubieten ist keine Vision, welche ein Unternehmen von anderen unterscheidet. Ebenfalls “Für” und “Gemeinsam” mit Kunden ist kaum ein Unterscheidungsmerkmal. Jedes gute Unternehmen arbeitet mit und für die Kunden.
Wir XXX sind Teil des nachhaltigen Bauens der Schweizer Infrastruktur und erbringen Leistungen zum Wohle unserer Gesellschaft.
Wir XXX sind erfahren, leidenschaftlich und zuverlässig. So erschaffen wir durchdachte Produkte und finden innovative Lösungen.
Wir XXX übernehmen Verantwortung und erhalten so Vertrauen.
Eine schon konkretere Vision. Aber dennoch keine Formulierung, welche einzigartig ist und die Firma von anderen unterscheidet. Man könnte so ziemlich jedes Bauunternehmen in die XXX einsetzen und es wäre passend. Spannend wäre zu erfahren, was die Firma mit dem Abschnitt “zum Wohle unserer Gesellschaft” genau meint.
Gemeinsam für unsere Kund:innen – das ist die Vision aller Mitarbeitenden. Werte wie kundenorientiert, unternehmerisch und verantwortungsvoll begleiten uns auf unserem Weg.
Und dies ist die Vision eines der grössten Unternehmen in der Schweiz. Wiederum kaum anders als die beiden vorhergehenden Visionen.
Es braucht Mut
Schlagwörter wie “innovativ”, “kundenorientiert”, “unternehmerisch”, “gemeinsam” etc. kommen in sehr vielen Visionen vor und sind deshalb fast wertlos. Nicht, dass die Wörter an sich wertlos wären, aber die übermässige Nutzung macht sie für eine Vision wertlos. Es scheint so, dass man sich in den Gremien und Verwaltungsräten nicht dazu entschliessen konnte, mutige Visionen zu formulieren. Eine Vision will etwas verändern, einen bestehenden Umstand besser machen und nicht das Bestehende konservieren. Dennoch lesen sich viele Visionen wie der Versuch etwas zu erhalten und keine Risiken einzugehen. Auch macht es den Anschein, dass Unternehmen nicht mehr den Mut haben über mehrere Quartale hinaus zu planen. Es soll nicht in Abrede gestellt werden, dass Zahlen wichtig sind und Unternehmen profitabel sein sollen, aber man sollte sich nicht dazu verleiten lassen, diese kurz- und mittelfristigen Ziele als Visionen zu verkaufen.
Eine langfristig ausgerichtete Vision zahlt sich kaum innerhalb weniger Monate aus, aber es ist ein Leitstern oder sogar eine Leitplanke für die Mitarbeiter und sichert grundlegende Werte ab.
Als Beispiel können wir noch einen dänischen Klemmbausteinehersteller anfügen. Zahlentechnisch war 2025 ein Rekordjahr. Dennoch gibt es in der Community viele Kommentare, welche sich über die Qualität der Steinesets und deren Preise beschweren. Wenn man einen Teil seiner Fanbasis aufgrund von Umsatz- und Gewinngier anfängt zu verlieren, dann sind das keine guten Vorzeichen. Vor allem nicht, wenn die Qualität ein wichtiger Wertepfeiler des Unternehmens war und deren Erfolg darauf aufbaut.
Mut wäre in diesem Sinne dann, wieder die Qualität über die Maximierung der Gewinne zu stellen.
Warum braucht es Visionen
Visionen dienen als langfristiger Kompass und Sinnstifter für Unternehmen und Menschen. Dabei stechen 4 Bereiche besonders hervor, welche für ein Unternehmen von unschätzbarem Wert sind.
Sinnstiftung: Die Vision beantwortet das „Warum“ und „Wozu“. Sinn und Begeisterung motivieren Menschen oft stärker als rein monetäre Anreize und setzen Kräfte für grosse Ideen frei.
Entscheidungsfindung: Indem sie einen erstrebenswerten Idealzustand beschreibt, hilft eine Vision dabei, Prioritäten zu setzen und alle Aktivitäten darauf auszurichten.
Identifikation: Ein gemeinsames Zukunftsbild schweisst Teams zusammen und bündelt die Kräfte, da jeder Einzelne weiss, wofür er sich einsetzt.
Resilienz: In Zeiten von Krisen oder Unsicherheit wirken kraftvolle innere Bilder als seelische Wegweiser und geben Hoffnung, um Rückschläge besser zu überwinden.
Wie eingangs erwähnt, liefert eine Vision nicht die Antwort auf Lieferengpässe, Zölle, schwache Digitalisierung. Aber eine gute Vision kann eine Inspiration sein und Wege öffnen, über die man noch nie nachgedacht hat. Und um das geht es doch, Wege zu gehen, die noch kein anderer gegangen ist und Lösungen zu finden, die noch kein anderer gedacht hat und so Schritt für Schritt einer besseren Welt näher zu kommen.
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